G r ü n (I)

Man begreift es nicht, man vermag es kaum zu fassen, es ist erschreckend, es ist etwas Unheimliches, etwas beinahe Überwältigendes. »Hat es einen Sinn?« fragt man sich. Beinahe sinnlos ist es. Es betäubt, es macht den Verstand schwindeln. Es tut den Augen, dem Herzen weh, es beklemmt und bestürzt die Seele. Farbe, Farbe. Keine andere Farbe ist vielleicht so sehr Farbe, wie diese. Keine zweite Farbe blendet so sehr. Grün, grün. Wohin man blickt: Grün. Die Einfälle, die Gedanken, die Regungen der Seele nehmen eine heimliche Verwandtschaft mit dem Grün an und arten in Grün aus. Die Gesichter sind beinahe grün. Es hat etwas Rätselhaftes, Aufregendes, Grauenhaftes. Nein, nein, es ist nicht so einfach; um den modernen Menschen herum ist überhaupt nichts mehr so einfach. Täuschen wir uns nicht, gehen wir nicht mit bleichen, kranken Scherzen über Dinge hinweg, die uns erschüttern, die uns die Ohnmacht, in welcher wir immer, immer leben, eindringlicher fühlen machen. Grün, grün. Aus dem Boden hervorquillt es dick. Es ist geradezu entsetzlich. Es lähmt, macht auf Minuten krank, der Kopf steht still, und die Seele will aufschreien, will aus ihrer Befestigung, dem Körper, herausbrechen. Blau ist sittsam und sanft. Es gibt auch im Herbst und im Winter ein Blau. Aber grün? Warum grün? Warum, warum so schrecklich, so köstlich, so herrlich grün. Es brennt. Grün: das brennt. Die Welt im Frühling ist ein Brand in grün. Grün ist eine Raserei von Farbe. Hochauf bäumt es sich, lang streckt es sich aus. Man ist kein Mensch mehr. Man weiß nicht mehr, was und wer man ist. Es tobt, es zürnt, es quillt, es lodert. Grün ist eine fürchterlich ernste, heilige Farbe. Eine grauenerregende Farbe, eine mahnende, fragende Farbe, eine göttliche Farbe. Weiss, zum Beispiel, lächelt, gelb streichelt. Warum gibt es schwarze und weiße Katzen, und nicht grüne? Ach ja, und warum schillern manchmal Augen grün? Grün kriecht über Nacht aus dem Innern der Erde, schlägt überall, überall, einer dunklen Ahnung ähnlich, hervor. Wie ist grün gebieterisch.                                         Grün sei die Farbe der Hoffnung? Jawohl, gewiß, ganz gewiß. Doch man versuche es, zu hoffen ohne je zu erzittern und zu erschauern. Dicht neben, oder vielmehr, mittendrin in der Hoffnung lebt finsteres hoffnungsloses Bangen und Verzagen. Es gibt keine Farbe auf der Welt, die so sehr Einsamkeit und Planeten-Verlorenheit ausdrückt wie Grün. Grün ist der Ruhm der Welt. Grün ist die grösste, feierlichste Farbe. Es ist der Farbenanfang, der Inbegriff, der Stolz der Farben. Grün ist die Seele der Farben. Und dann: warum ist es nicht ein wenig heller? Es könnte ja matter, leichter sein. Aber nein, nicht hell, sondern düstersatt, samtig dunkel, wie ein Weltenzorn, tritt es auf und leuchtet und schillert und blendet uns entgegen. Warum ist man im Frühling so krank, so matt, so frauenhaft auf das Weiche und Zärtliche gestimmt, so tatlos, so phantasielos. Grün erstickt die Phantasie, weil es selber eine Phantasie ist. Grün ist der Räuber der menschlichen Energien; hat nicht Napoleon sich vor dem Frühling gefürchtet? Nicht? Nun, dann bilde ich es mir vielleicht nur ein, denn auf mich wirkt es wie eine Lähmung, derart, dass ich mich in eine Katakombe zurückziehen möchte, um nur dem erschreckend süßen Anblick zu entgehen. Ich fürchte mich im Winter nie vor mir, im Herbst habe ich geradezu goldenes Zutrauen zu mir selber, aber im Grün, um Gottes willen, hinein in die erstbeste Kneipe, trinken, trinken. Grün tötet. Blühen, Knospen. Wozu? Man versteht es nicht. Ich weiß es jetzt, weiß es jetzt ganz genau, daß ein blühender Frühling auf den Menschen, je länger er lebt, einen immer stärkeren Eindruck macht; da wird es ganz naß, da schwimmt es vor lauter Grün, und alle Menschbeschäftigungen kommen einem so sonderbar vor, beinahe wie ein klarübersichtlicher Irrsinn. Es ist ja in der Tat auch etwas Irrsinniges am Grün; und Blühen: was ist es anderes als eine Art Irrsinn? Flimmern ist Irrsinn. Schon recht. Man wird sich ja natürlich, als der Mensch von Verstand, der man ist, damit abzufinden wissen. Hier wollte ich eine Illustration liefern, eine Verkörperung, eine Verherrlichung. O, es gibt Träume, die ganz dunkelgrün sind, von Spuren Rot durchzogen, von Blau umsäumt, so, als sei unser Denken und Dichten blau, unser besseres Wollen rot und unser Leben unaussprechlich grün. Ja, Grün ist – Leben, Grün ist Lieben. Es mißfällt oft. Es entzückt und entsetzt zu gleicher Zeit, und es wird von Tag zu Tag wilder und üppiger. Nach und nach, gegen den Sommer, lässt es an Tiefe ab. Man gewöhnt sich daran. Dann geht man unter den reichen blätterflüsternden Bäumen wie unter Dächern spazieren. Der Staub nimmt ihm auch viel von seinem tiefen Glanz weg, und mitten in großen Städten rauschen und wispern im Hochsommer die Blätter, die dann ganz grau und fahl sind, als seien sie von Eisen.

Robert Walser 1911
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